AM HERZEN EUROPAS 1
Zeitgenössische jiddische Literatur


GEHAT HOB IKH A HEYM
ICH HATTE EIN ZUHAUS'



Titelbild


Herausgeber & Übersetzer: Armin Eidherr

Illustrationen: Monika Migl-Frühling, Willi Pechtl, Gerald K. Nitsche

118 Seiten, broschiert, mit Schutzumschlag
1999
Auflage: 700 Stück, 19
ISBN 3-901735-05-4



AM HERZEN EUROPAS ist der Name dieser Anthologienreihe, die der zeitgenössischen Lyrik Kleiner Völker Europas, wir nennen sie lieber "Wenigerheiten", gewidmet ist.

Gedicht & Illustration, Bsp. 1

Seite 58/59 (zum Vergrößern Bild anklicken)

Immer weiter an den Rand werden kleine Gruppen gedrängt, je größer und stärker die Mehrheit wird. Globalisierung nivelliert, was aus der Norm fällt, trägt ab, füllt auf. Jene Räume, in denen Minoritäten beheimatet sind, haben in einer Zeit von Landflucht, Pendlertum und Internationalisierung ihre Grenzen verloren: Geschlossene Siedlungsräume und Sprachinseln verschwimmen, werden ausgelichtet, vermischt, verwischt, unterwandert. Die Sprachen der Kleinen Völker sind in Gefahr auszusterben.

Der Geschichte unserer jüdischen Mitbürger gedenkend, die der Ausrottung preisgegeben waren, beginnen wir die Reihe "Am Herzen Europas" mit zeitgenössischer jiddischer Lyrik. Ich danke Armin Eidherr, dem Sammler, Übersetzer und Mitarbeiter von Gehat hob ikh a heym - Ich hatte ein Zuhaus', daß ich sein Werk veröffentlichen darf.

Die Kleinen Völker und ihre Lebensweisen, Kultur und Sprache legen wir Europa ans Herz. Uns ist es ein Anliegen, dem stilleren Wort der kleinen Gruppen Gehör zu schenken und zu verschaffen. Die Mehrheit soll erfahren, welche Kostbarkeiten nebenan, sozusagen Tür an Tür, im Verborgenen blühen.

Vor 10 Jahren recherchierte ich im Bereich der autochthonen österreichischen Wenigerheiten (der Slowenen, Kroaten, Ungarn, Tschechen, Roma und Sinti, Jenischen ...). Es entstand die erste Anthologie dieser Art in Österreich, und viele unveröffentlichte Gedichte waren mir anvertraut worden - das mag die Situation kennzeichnen. Nun ist die Betrachtung auf Europa ausgeweitet, und auch hier begegnen wir Vergleichbarem, obwohl die meisten der Kleinen Völker über ein bedeutendes literarisches Schaffen verfügen. Hier findet ein Forscher noch die Gelegenheit, sich als Ururenkel der Gebrüder Grimm fühlen zu können.

Gerald Kurdoglu Nitsche
Istanbul, Landeck/Tirol im Jänner 1999


Diese Gedichte der fast sterbenden jiddischen Sprache haben etwas besonders Bewegendes an sich. Sie erinnern mich an kleine Gräser und winzige Blumen, die nach Jahren zwischen Panzerkettenspuren, trostlos zerwühlten Lagerplätzen und unter verrostetem Stacheldraht doch wieder zaghaft sprießen - sozusagen als Zeichen eines unzerstörbaren Lebens. Diese Lyrik kann man nur im Kontext einer bescheidenen, kleinen Welt lesen, die man in Massengräbern eingewalzt hat. Nun sind wir an der Wende des Jahrtausends - mehr betroffen und beschämt als selbstbewußt - angekommen. Wir müßten den verwehten Liedern besonders aufmerksam lauschen.

Die jiddische Sprache trägt für mich eigentlich die Jahrhunderte alten Narben der Vertreibung aus dem Herzen Europas an sich. Sie müßte wieder in dieses Herz zurückkehren, wenigstens literarisch und über eine sensible Lesergemeinde. Das Jiddische birgt aber noch eine andere Spur: Die heilige Sprache des Buchs der Bücher, das Hebräische. Und wir dürfen nicht vergessen, daß die Menschheit in dieser Sprache die ersten Posaunenstöße des Heils vernommen hat. Auch der Trost geht manchmal durch diese Dichtungen - ich erinnere nur an Josef Hillel Lewis "Mein Vater - der Thorarollenschreiber" ...

Ich wünsche dem Buch Leser, die zur Betroffenheit fähig und für den Trost geöffnet sind.

Reinhold Stecher, Altbischof von Innsbruck


Europa ist eine Idee, die sich nicht nur über den Euro oder die gemeinsame Sicherheitspolitik, sondern auch über die kulturelle Vielfalt definiert. Der Gedanke der Europäischen Einigung hat die Herzen vieler Menschen noch immer nicht erreicht und wird von Ängsten und Sorgen begleitet.

Aus diesem Grunde bgrüße ich die Anthologiensammlung "Am Herzen Europas", die die kulturelle und sprachliche Vielfalt Europas

Gedicht & Illustration, Bsp. 2

Seite 48/49 (zum Vergrößern Bild anklicken)

dokumentiert und der zeitgenössischen Literatur der Minderheiten Europas gewidmet ist. In der Originalsprache und übersetzt will die Anthologiesammlung auf europäischer Ebene literarische Schätze heben, wie es der Herausgeber Gerald Nitsche vor einigen Jahren mit der Anthologie "Österreichische Lyrik - und kein Wort Deutsch" bereits getan hat, die im Parlament in Wien vorgestellt wurde. Heute wie damals gilt: Die Sprache, Kultur und Literatur von Minderheiten soll der Mehrheit nähergebracht werden.

Den Anfang macht der Band "Gehat hob ikh a heym" mit jiddischer Lyrik. Auch wenn Adorno einmal sinngemäß gemeint hat, daß man nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben könne, entsteht und floriert heute eine neue jüdische Literatur weltweit und insbesondere in Osteuropa. Diese Literatur ist naturgemäß geprägt von der fundamentalen Erschütterung durch das Unfaßbare, die Schoah. Der Band "Zeitgenössische jiddische Lyrik" macht eine von den Nazis zerstörte Kultur wieder lebendig und warnt mit literarischen Mitteln: Niemals vergessen!

Die folgenden Bände der Anthologiesammlung sollen der Literatur der Samen Skandinaviens, der Jenischen im Alpenraum, der Tinkers Irlands und der Roma und Sinti, die in ganz Europa verstreut sind, gewidmet sein. Sie begibt sich auf eine literarische Spurensuche, die "dem stillen Wort der kleinen Gruppen" Gehör verschaffen soll.

Dem Ergebnis dieser Spurensuche - der Anthologiesammlung "Am Herzen Europas" - wünsche ich viele aufmerksame LeserInnen, damit das Ziel des Unternehmens erreicht wird, den Mehrheiten auf europäischer Ebene über Literatur den hohen Stellenwert von Minderheiten zu vermitteln.

Heinz Fischer, Präsident des Nationalrates